2.1.2.2 Die Identifizierung der Intelligenz
Die Intelligenz stellt sich nun unter drei großen kulturunabhängigen Aspekten dar, die eng miteinander verknüpft sind.
Aspekt 1: Die cerebrale Repräsentanz von Raum, Zeit und Zahl als evolutionärer Ursprung der Intelligenz.
Aspekt 2: Die mathematisch-statistische Herausarbeitung spezifischer und allgemeiner Faktoren der Intelligenz und Abgleich des IQ mit der Realität (Erfolg in Ausbildung und Beruf).
Aspekt 3: Die materielle Identifizierung der Intelligenzfaktoren als vernetzte Brodmannsche Hirnareale und der Zusammenhang zwischen dem IQ und dem Volumen dieser Hirnareale.
Die Untersuchung des menschlichen Geistes nach mathematisch-naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, was auch immer zu Quantifizierungen und Klassifizierungen führt, stößt in Teilen der Gesellschaft auf Unbehagen. Historisch war es schon immer so, dass Teile einer Gesellschaft gegen Neuerungen aus unterschiedlichen Motiven Vorbehalte haben. Das kann die Sorge oder Angst sein, dass die Neuerungen wirtschaftliche Nachteile oder Machtverlust mit sich bringen. Es kann aber auch sein, dass man die lange gepflegte persönliche Lebensideologie in Gefahr sieht und nun damit leben muss, dass man bisher falsche Ansichten vertreten hat. Überhaupt ist eine gefestigte Ideologie nur schwer zu ändern, da sie auf einer Vielzahl von Erkenntnissen und Erfahrungen beruht, die auch wegen der Millerschen Zahl schwer überschaubar und in ihrer Unüberschaubarkeit schwer mit neuen Argumenten abgleichbar sind. Historische Beispiele zur Rolle von Ideologien gibt es zu Hauf. Man denke an Giordano Bruno, der im Mittelalter die These vertrat, die Erde sei eine Kugel. Weil er damit die Autorität der christlichen Kirche und das Weltbild der damaligen Gelehrtenmehrheit in Frage stellte, die die Erde als Scheibe sah, wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dies obwohl schon in der Antike der Durchmesser der Erdkugel aus einem physikalischen Experiment heraus (Messung von Schattenlängen bei südlicheren und nördlicheren Standorten) mathematisch korrekt berechnet wurde und die Seeleute zu allen Zeiten wussten, dass bei guter Sicht und nicht zu schwerem Seegang von einem Schiff am Horizont zuerst die Masten auftauchen und dann der Rumpf.
Ein näher am Thema liegendes Beispiel ist das mittelalterliche ideologisch-religiös begründete Verbot, menschliche Leichen zu sezieren um medizinische Kenntnisse über den menschlichen Körper zu gewinnen. Man glaubte, das verstieße gegen die göttliche Vorsehung. Wie in Kapitel 3.12 dargestellt, hat nach Überwindung dieses Verbotes die Entwicklung der medizinische Wissenschaft zu einer drastischen Reduzierung des unendlichen Leides geführt, dem die Menschen durch Krankheiten und Verletzungen in ihrer ganzen Vorgeschichte ausgesetzt waren.
Nach der Erforschung des menschlichen Körpers liegt nun bei der Erforschung des menschlichen Geistes wieder eine ähnliche Situation vor, auch hier gibt es ideologische Widerstände. Dass alle Menschen ungeachtet ihrer Herkunft die gleichen Rechte haben sollen und daher gleich behandelt werden müssen, ist in der heutigen europäischen Kultur weit überwiegender und unverzichtbarer Konsens. Es existiert aber darüber hinaus eine weit verbreitete Ideologie, dass alle Menschen, von der physischen Konstitution abgesehen, geistig weitgehend das gleiche Potential haben und Unterschiede nur umweltbedingt seien durch unterschiedliche soziale und kulturelle Umstände. Diese Ideologie wehrt sich in unterschiedlichem Ausmaß gegen die Vermessung des menschlichen Geistes. Diese Vermessung durch Etablierung eines Intelligenzbegriffs führt dann zwangsläufig zur Erkenntnis von Unterschieden, die nicht im gewünschten Maße durch kompensatorische Maßnahmen beseitigt werden können und die Verantwortung der Umwelt beschränken.