3.12.2 Medizin in China
Quellen:
Wikipedia 2023: „Traditionelle chinesische Medizin“, „Akupunktur“, Akupressur“, „Moxibustion“ „Placebo“, „Publikationsbias“.
Neben legendären 5700 bzw. 4600 Jahre alten kaiserlichen Heilkunden stammen die ältesten schriftlichen Quellen zur chinesischen Medizin aus dem 13. Jahrhundert v.Chr. Auf Orakelknochen und Schildkrötenschalen finden sich Texte, welche die Ursachen für Krankheiten im Einwirken der Ahnen oder böswilliger Magie von Mitmenschen sehen. Als Mittel zur Bekämpfung gelten Beschwörungen und Geschenke. Im Zuge der Kämpfe und des gesellschaftlichen Zerfalls im 8. bis 3. Jahrhundert v.Chr. wandelten sich die Vorstellungen zu den Krankheitsursachen hin zu einem Glauben an sichtbare und unsichtbare Dämonen, die es auszutreiben galt. Dabei spielten Arzneidrogen, Exorzisten und Amulette eine Rolle. Die Dämonen sollten außerdem durch Nadelbehandlungen (Akupunktur), Brennen (Moxibustion) und Massagen zum Verlassen des Körpers gezwungen werden. Diese Praktiken sind bis in die Gegenwart wesentliche Bestandteile der traditionellen chinesischen Medizin. In der zweiten Han-Dynastie 25 bis 220 n.Chr. richtete die Medizin sich religiös aus. Krankheiten waren jetzt göttliche Strafen für Fehlverhalten. Es musste Reue gezeigt werden, die durch Einkerkerung der Kranken, das Aufschreiben der Missetaten und öffentliche Bekenntnisse in Massenritualen gefördert wurde.
Analog zur Signaturen Lehre des europäischen Mittelalters entwickelte sich in China im Einklang mit dem Konfuzianismus eine Entsprechungsmedizin, nach der alle Erscheinungen der sichtbaren und unsichtbaren Welt miteinander in Beziehung stehen. Als Beispiel wird in einem Text aus dem Zeitraum 800 Jahre v.Chr. angeführt „Es gibt dort ein Kraut, das keine Früchte hervorbringt. Sein Name ist ku-jung. Isst man davon, so bekommt man keine Kinder“. Alle Naturphänomene wie „Himmelsrichtungen, Gestirne, Lebensmittel, Himmel und Erde, Regen und Wind, Hitze und Kälte“ spielen eine Rolle in der Entsprechungsmedizin. Die Entsprechungsmedizin bezieht sich auf die Jin-Yang-Lehre, die die Welt in einem dynamischen Gleichgewicht zwischen gegensätzlichen Prinzipien sieht. Dieses dynamische Gleichgewicht wird durch den abstrakten daoistischen Begriff des Qi gekennzeichnet. Vereinfachende Übersetzungen des Begriffs Qi sind oft Energie oder Fluidum, wobei aber keine wissenschaftlichen Nachweise über eine energetische oder stoffliche Existenz eines Qi gelungen sind. Krankheiten sind Störungen des Qi. Das Qi befindet sich in 5 Wandlungsphasen, die sich in 3 Ebenen wiederfinden: 5 Jahreszeiten, 5 Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser) und 5 Organe (Leber, Herz, Milz, Lunge, Niere). Insgesamt erscheint die beschriebene Entsprechungsmedizin mit dem zentralen Begriff des Qi als ein hochspekulatives physiologisches System, das sich wenig an der tatsächlichen Anatomie des menschlichen Körpers orientiert. Dieses System ist der Kern dessen, was heutzutage im Westen als traditionelle chinesische Medizin (TCM) bezeichnet und vermarktet wird. Die 5 Säulen der TCM sind Akupunktur und Moxibustion, Arzneimitteltherapie, Diätetik, Massage und Bewegungsübungen. Die Akupunktur geht davon aus, dass Krankheiten durch Störungen beim Fluss des Qi im Körper entstehen und dass diese Störungen durch das Einstechen von Nadeln behoben werden können. Dabei findet der Fluss des Qi entlang bestimmter Kanäle statt, die in europäischer Übersetzung vielfach irreführend als Meridiane bezeichnet werden, was eine hier nicht zutreffende geometrische Bedeutung hat. Es werden insgesamt 20 solcher „Meridiane“ betrachtet, längs derer etwa 400 mögliche Akupunkturpunkte genutzt werden. Alternativ werden an diesen Punkten auch Wattekegel aus Beifuß Fasern verbrannt, was zu Rötungen oder leichten Verbrennungen der Haut führt.
Studien, die dem westlichen Wissenschaftsbegriff genügen, konnten allerdings keinen Nachweis erbringen, dass derartige Behandlungen eine Wirkung haben, die über Placebo Effekte hinausgehen. Für den westlichen Wissenschaftsbegriff ist wesentlich, dass ein Wirksamkeitsnachweis die Behandlungsmethode an zwei für eine relevante statistische Auswertung hinreichend große Gruppen von Patienten durchführt. An einer dieser Gruppen wird die Behandlung, also hier die Akupunktur, tatsächlich durchgeführt. Bei der anderen Gruppe erfolgt die Behandlung nur zum Schein, indem Nadeln verwendet werden, die nicht wesentlich in die Haut eindringen, sondern im Schaft verschwinden, der aber auf der Haut haften bleibt. Die Auswahl der Patienten muss dabei randomisiert sein, d.h. rein zufällig erfolgen, und die Durchführung muss doppelblind sein, d.h. weder Arzt noch Patient dürfen wissen, ob die tatsächliche Behandlung oder nur die Scheinbehandlung durchgeführt wird. Tatsächlich zeigt sich bei den zahllosen nach diesen Standards durchgeführten Versuchen, dass in beiden Gruppen von Patienten der Behandlungserfolg gleich ist. Dass dennoch in beiden Fällen teilweise ein gewisser Behandlungserfolg beobachtet werden kann, erklärt sich allein aus dem bekannten in der Medizin allgegenwärtigen Placebo Effekt. Schon der griechische Philosoph Plato (*427 †347v.Chr.) war der Meinung, dass Worte durchaus die Kraft haben, Kranke zu heilen. Mannigfache Untersuchungen zeigen, dass bei zum Schein verabreichten Medikamenten und bei scheinbaren Behandlungen bis hin zu scheinbar durchgeführten Operationen ungefähr 35% der Patienten auf diese Placebos ansprechen. Bei Medikamenten wird eine Placebo Wirkung von 20 bis 80% angenommen. Der Wirkungsmechanismus dabei soll vor allem psycho-sozialer Natur sein. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Glaube des Patienten, aber auch des Arztes, an die Behandlungsmethode. So haben Versuche auch gezeigt, dass der Placebo Effekt bei teuren Medikamenten größer ist als bei billigen. Auch bei Arthrose Operationen am Kniegelenk konnte gezeigt werden, dass die erreichte Schmerzlinderung bei der Patientengruppe, die nur einer Scheinoperation mit oberflächlichen Schnitten unterzogen wurde, genauso groß war wie bei den Patienten mit der tatsächlich durchgeführten Operation. Auch, aber nicht nur, wegen der Placebo Effekte erfordert ein wissenschaftlich über alle Zweifel erhabener Nachweis der Wirksamkeit einer Behandlungsmethode nicht nur einen einwandfreien statistischen Effekt, sondern auch die Offenlegung der durch die Behandlung verursachten physikalisch-chemischen physiologischen Veränderungen, die kausal für eine Heilung verantwortlich sind. Derartige Veränderungen sind, abgesehen von lokalen Hautreizungen und einem erhöhten Adenosingehalt in der Haut nahe der Einstichstellen, bei der Akupunktur und Moxibustion nicht nachweisbar. Somit können wesentlichen Teilen der TCM Behandlungserfolge lediglich auf der Ebene von Placeboeffekten zugesprochen werden, wie sie etwa auch schamanistischen Heilungsritualen oder großen Teilen der westlichen Heilpraktikertätigkeit zukommen. 80 bis 90% aller Behandlungen im Rahmen der TCM werden in China durch Arzneimittel vorgenommen. Die offizielle Liste aus dem Jahr 2000 enthielt 544 Substanzen, die weit überwiegend seit 2000 Jahren gebräuchlich sind und ausschließlich aus Naturstoffen bestehen. Diese Arzneien werden im Zusammenhang mit einer speziellen Diagnostik und einer auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Rezeptur aus 3 bis 16 einzelnen Arzneien verabreicht. Westliche Untersuchungen zeigten, dass einige Rezepturen schädlich für die Leber sind und die Hälfte von 36 untersuchten Proben hochdosierte gefährliche Pestizidrückstände enthalten. Zahlreiche seltene und geschützte Pflanzen und Tiere finden Verwendung, wie etwa Tiger, Schneeleopard und Nashorn. In Südafrika werden auf Farmen unter schlechten Bedingungen Löwen zur Verarbeitung als chinesisches Arzneimittel gezüchtet.
Seit dem 16. Jahrhundert drang mit den Jesuiten westliches Wissen nach China ein, besonders aber nach der kolonialistischen gewaltsamen Öffnung des chinesischen Marktes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Opiumkriege. Dabei drängte die westliche Medizin auch die TCM zurück. Eine Gegenbewegung unter Mao Zedong hatte keinen dauerhaften Erfolg. Der TCM-Sektor macht heute neben der westlichen Medizin lediglich 10 bis 20% der Gesundheitsversorgung in China aus.