4 Gene und Kulturen

4.1 Gene und Persönlichkeit
Quellen:
[BG] Thomas J. Bouchard, Matt McGue, Genetic and Environmental Influences on Human Psychological Differences, Departement of Psychology, University of Minnesota, https://doi.org/10.1002/neu.10160;
[B1] Das Gottes-Gen, Bild der Wissenschaft, 16.8.2010, www.wissenschaft.de/gesellschaft-psychologie/das-gottes-gen;
[GE] Die klügsten Singvögel zwitschern die schönsten Melodien, GEO 21.9.2023, www.geo.de/wissen/forschung -und-technik/star--spottdrossel--meise--die-kluegsten-singvoegel-zwitschern-die-schoensten-melodien-3284768.html;
[DL] Edward Dutton, Richard Lynn, Intelligence and Religious and Political Differences Among Members of the U.S. Academic Elite, 2014 Interdisciplinary Journal of Research on Religion, Volume 10, Article 1, www.religjournal.com/pdf/ijrr10001.pdf;
[JA] Jens Asendorpf Die Natur der Persönlichkeit: eine koevolutionäre Perspektive, Zeitschrift für Psychologie, Hogrefe Verlag,
www.psychologie.hu-berlin.de/de/prof/per/asendorpf-pdf/1996/natur-der-personlichkeit-1996.pdf;
[K1] Christian Kandler et al. Sources of Variance in Personality Facets: A Multiple-Rater Twin Study of Self-Peer, Peer-Peer and Self-Self (Dis)Agreement, Journal of Personality, 2010, Volume 78, Issue 5, 1565-1594, https://pub.uni-bielefeld.de/record/1794003;
[K2] Christian Kandler A meta-analytic review of nature and nurture in religiousness across the lifespan, Science Direct, August 2021, Band 40, 106-113,
https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2020.09.011;
[LW] Laura W. Wesseldijk et al., Using a polygenic score in a family design to understand genetic influences on musicality, Nature, Scientific Reports 12, Article 14658(2022),
https://doi.org/10.1038/s41598-022-18703-w.pdf;
[MP] Matthew S. Pannizon et al., Distinct Genetic Influences on Cortical Surface Area and Cortical Thickness, Cerebral CORTEX, Volume 19, Issue 11, November 2009, Pages 2728 – 2735, https://academic.oup.com/cercor/article/19/11/2728/381508;
[SN] Elsbeth Stern, Aljoscha Neubauer Intelligenz, Große Unterschiede und ihre Folgen, 2013, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-421-04533-1;
[YI] Yoshiki Ito Spontaneous beat synchronization in rats: Neural dynamics and motor entrainment, Science Advances 11.11.2022, Vol. 8, No. 45, https://doi.org/10.1126/sciadv.abo7019;

Wikipedia 2024: „Intelligenz“, „Zwillingsforschung“, „Big Five (Psychologie)”.

Die Unterschiede in der Intelligenz von einzelnen Personen, ausgedrückt durch den Generalfaktor g der Intelligenz, erklären sich zu 40 bis 80% aus genetischen Unterschieden und hängen mit der Größe und Leistungsfähigkeit spezieller Gehirnareale zusammen [BG][SN] (Kap. 2.1.2.1, Kap. 2.1.3). Dabei wird für die Gehirngröße eine Erblichkeit von über 80% angegeben [BG] [MP]. Der eng mit dem Generalfaktor g zusammenhängende psychometrische IQ hat sich als das am engsten mit geistiger Leistungsfähigkeit und Erfolg verbundene Persönlichkeitsmerkmal erwiesen. Darüber hinaus unterscheiden sich Menschen aber noch in vielerlei anderen Persönlichkeitsmerkmalen, die in der differentiellen Psychologie untersucht werden.

Das am weitesten verbreitete Modell zur Charakterisierung von Persönlichkeiten nennt sich „Big Five“. Hierbei wird jede Person durch 5 Kategorien charakterisiert, denen jeweils eine Skala zu Grunde liegt. Dabei skaliert die Kategorie

„Offenheit für Erfahrungen“ zwischen „konservativ/vorsichtig“ und „erfinderisch/neugierig“,
„Gewissenhaftigkeit“ zwischen „unbekümmert/nachlässig“ und „effektiv/organisiert“,
„Extraversion“ zwischen „zurückhaltend/reserviert“ und „gesellig“,
„Verträglichkeit“ zwischen „wettbewerbsorientiert/widerstreitend“ und „kooperativ/freundlich“,
„Neurotizismus“ zwischen „selbstsicher/ruhig“ und „emotional/verletzlich“.

Schon Darwin vermutete genetische Vorgaben für die Entwicklung von menschlichen Persönlichkeiten, wobei er auf die Zucht von Haustieren verwies, denen durch Selektion ein erblicher Charakter angezüchtet wird. Darwins Vermutung bestätigte sich: Wie bei der Intelligenz wird auch bei den Big Five ein Erblichkeit der Persönlichkeitsmerkmale festgestellt, die nach Wikipedia („Big Five“) ungefähr 50% beträgt, nach neueren Studien sogar bis zu 66% [K1] [BG]. Untersuchungen zur Erblichkeit werden bevorzugt durch Studien an ein- und zweieiigen Zwillingen, aber auch Geschwistern und Adoptivkindern vorgenommen, bei denen von vornherein Annahmen über genetische Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie das soziale Umfeld gemacht werden können. Bei eineiigen Zwillingen ist der Genbestand gleich, abgesehen von nicht im Vordergrund stehenden im Laufe des Lebens eintretenden epigenetischen Modifikationen (Kap. 3.11.3.3). Bei zweieiigen Zwillingen hat man eine genetische Übereinstimmung von etwa 50%. In beiden Fällen wird im Normalfall von weitgehend gleichen Umweltbedingungen ausgegangen, es können aber zum Vergleich auch Zwillinge betrachtet werden, die in unterschiedlichen Familien aufwachsen. Bei Geschwistern hat man definierte Wahrscheinlichkeitsannahmen über gemeinsame Gene. Bei Adoptivkindern kann von einem von den übrigen Kindern unabhängigen Genbestand bei weitgehend gleichem sozialem Umfeld ausgegangen werden, und man kann mit den Genen der leiblichen Eltern der Adoptivkinder vergleichen.

Auch mit dem IQ und den Einstufungen gemäß der Big Five hat man noch längst nicht alle Merkmale erfasst, die aus der Alltagserfahrung heraus eine Persönlichkeit kennzeichnen, selbst wenn man davon ausgeht, dass die oben genannten Merkmale der Big Five noch weitere Ausprägungen implizieren, die nicht explizit angegeben sind. So impliziert z.B. das Merkmal Gewissenhaftigkeit wohl teilweise auch die umgangssprachlichen Ausprägungen faul und fleißig. Die Big Five erfassen z.B. nicht die Unterschiede in der Musikalität von Personen. Mit einer Studie an 5648 schwedischen ein- und zweieiigen Zwillingen wurde gezeigt, dass im Durchschnitt 40 bis 50% dieser Unterschiede durch erbliche Anlagen erklärt werden [LW]. Dabei wurde Musikalität durch das Unterscheiden und Erkennen (discrimination) von Takt, Melodie und Tonhöhe definiert. Wie schon Darwin vermutete, haben auch Tiere bereits ein angeborenes Gefühl für Takt. Bei Ratten wurde nachgewiesen, dass sie sich unter dem Einfluss von Musik ähnlich rhythmisch bewegen wie Menschen [YI]. Einige Singvögel haben eine angeborene Fähigkeit Melodien und Töne nachzuahmen, wobei sie auch eine höhere Intelligenz und ein größeres Gehirn haben als die übrigen Singvögel [GE].

Religiosität und Spiritualität wird ebenfalls durch genetische Vorgaben beeinflusst, während bei vorhandener Neigung zu Religiosität die Frage der Zugehörigkeit zu einer speziellen Religionsgemeinschaft oder bestimmten Gottesbildern umweltbedingt ist [DL]. Auch hier hatte Darwin schon entsprechende Vermutungen. Wie bei allen Persönlichkeitsmerkmalen nimmt dabei der genetische Einfluss in der ersten Hälfte des Lebens zu, während die Einflüsse der Umwelt an Bedeutung verlieren [K2]. Eine Untersuchung von 1999 mit 3000 Zwillingspaaren konstatierte einen Erblichkeitsanteil für Spiritualität von 48% [B1].

Thomas J. Bouchard und Matt McGue von der Universität Minnesota haben eine bedeutende Metastudie zur Vererbung von Persönlichkeitsmerkmalen erstellt, bei der sie sich auf 278 wissenschaftliche Veröffentlichungen beziehen [BG]. Darin kommen sie zum Schluss, dass im Grunde genommen alle psychologischen Unterschiede einem moderaten bis substantiellen genetischen Einfluss unterliegen, soweit sie zuverlässig messbar sind. Generell wird hier für die Varianz von Persönlichkeitsmerkmalen eine Erblichkeit von 40 bis 55% angegeben. Über die Charakterisierung von Persönlichkeiten durch die „Big Five“ und Musikalität und Religiosität hinaus werden auch soziale Einstellungen als moderat bis stark vererbbar identifiziert. Zu diesen „social attitudes“ werden z.B. Haltungen gegenüber sozialpolitischen Themen (z.B. Abtreibung), Ethnien, Institutionen und politischen Ideologien (konservativ, liberal, autoritär, etc.) gerechnet. Auch die allgemeine Haltung zur Arbeit und die befriedigende Wirkung von Arbeit werden als erblich beeinflusst gesehen. Ebenso zeigen sich bei der Tendenz zu bestimmten Berufsfeldern genetische Einflüsse, also bei der Frage ob jemand eher lieber im sozialen Bereich tätig wird, in der Geschäftswelt, in der Wissenschaft, in der Kunst, im Handwerk oder im Ingenieurswesen. Im psychopathologischen Bereich werden Erblichkeiten von 80% für Schizophrenie, Aufmerksamkeitsdefizite, Hyperaktivität, Autismus und das Tourette-Syndrom angegeben. Suchtverhalten für Alkohol und Cannabis ist zu 40 bis 60% auf genetische Ursachen zurückzuführen, Depressivität zu 40%. Im psychopathologischen Bereich wurden für bestimmte Erkrankungen auch bereits dafür verantwortliche Chromosomen und Chromosomenabschnitte ermittelt, die nun den statistischen Korrelationen aus der Zwillingsforschung zunehmend auch einen beweiskräftigen Kausalzusammenhang hinzufügen können, sofern man eines Tages die Abläufe auf molekularer Ebene bezüglich der Genexpression im Detail versteht. Alle genetischen Einflüsse auf menschliches Verhalten werden jeweils durch viele Gene verursacht. Ein einzelnes Gen für ein bestimmtes Verhalten gibt es nicht.

Genetisch bedingte Verhaltensunterschiede führen oft dazu, dass Individuen ihre persönliche Umwelt auch unterschiedlich gestalten, was hinwiederum zu ausgeprägteren Verhaltensmerkmalen führen kann [JA]. Ein intelligenterer Buchleser wird sich z.B. anspruchsvollere Lektüre beschaffen, was hinwiederum seine Intelligenz weiter fördert. Musikalische Eltern schaffen ein häusliches Umfeld, in dem auch ihre möglicherweise schon genetisch eher musikalischen Kinder eine weitere nun umweltbedingte Förderung erfahren. „Selbst wenn das potentielle Umweltangebot für alle Mitglieder einer Kultur identisch wäre, würden genetische Unterschiede zwischen ihnen unweigerlich Umweltunterschiede erzeugen, die wiederum ihre Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen können“ [JA].

Dieser konstatierte Zusammenhang zwischen genetisch bedingten Persönlichkeitsmerkmalen und der Gestaltung der persönlichen Umwelt kann auch als überzeugender Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen von Ethnien und der von ihnen geschaffenen Kulturen gesehen werden.

Die in der Psychologie durch statistische Untersuchungen, vorwiegend bei Zwillingen, gewonnene Einsicht in die Erblichkeit von Persönlichkeitsmerkmalen findet auch eine kausal-funktionale Bestätigung durch das Inside-Out-Modell der Neurowissenschaft. Demnach besitzt das Gehirn bereits bei der Geburt eine ererbte riesige Anzahl von Neuronennetzwerken die Grundlage für seine weitere Entwicklung sind (Kap. 2.1.2.1). Man kann annehmen, dass das Ignorieren und aktive Leugnen genetischer Vorgaben bezüglich des Verhaltens von Menschen eine der wichtigsten kausalen Ursachen für den wirtschaftlichen Misserfolg und das Zusammenbrechen kommunistischer und sozialistischer Staatssysteme war. Das marxistische „Sein bestimmt das Bewusstsein“ war ein zu einfacher Propagandaslogan.